- Entfremdung durch Medien?

Medien – immer in der Diskussion

Spätestens seit der Erfindung des Buchdrucks findet eine Auseinandersetzung darüber statt, wie Medien auf sich auf Mensch und Gesellschaft wirken. Man wurde und man wird nicht müde auf die Gefahren hinzuweisen, die von „den Medien“ ausgehen. Das gilt, vom Buch angefangen, für jedes bisherige Massenmedium.

In der aktuellen Diskussion um die „neuen Medien“ scheinen die alten Auseinandersetzungen aufzuleben. Es wird der Vorwurf erhoben, dass die Beschäftigung mit Medien den Menschen seiner eigenen Natur entfremde und ihn in eine Scheinwelt versetzt. An die Stelle dessen, was wirklich sei, trete der Schein einer (medialen) Wirklichkeit. So wäre die Medienabstinenz - auch das ein gemeinsamer Topos der Medienkritiker - das allein wirksame Mittel, ihnen nicht zu verfallen. Breits Rousseau hat in seinem Erziehungsroman „Emile“ von 1762 darauf verwiesen.

„Wie ich alle Pflichten von den Kindern fernhalte, so nehme ich ihnen die Werkzeuge ihres größten Unglücks: die Bücher. Die Lektüre ist die Geißel der Kindheit und dabei beinahe die einzige Beschäftigung, die man ihnen zu geben versteht“.

Tatsächlich scheint die Selbstverständlichkeit der Wirklichkeitserfahrung durch digitale Medien relativiert und ausgehöhlt zu werden [1] . 1997 führte ein aus Japan eingeführtes Spielzeug zu einem ungeheuren Aufsehen. Das Tamagotchi, ein digitales Küken buhlte um Zuwendung und Fürsorge seines Besitzers, bis es – trotz aller Pflege – seinen vorprogrammierten digitalen Tod erlitt. Die Intensität der Zuwendung quittierte das digitale Haustier mit Anzeichen von Wohlbefinden. Vernachlässigung seitens des Besitzers bewirken Missgunst, Krankheit oder den zu frühen Tod. Die Faszination für dieses Spielzeug ist bis heute noch nicht verschwunden [2] .

Viele Medienkritiker sahen sich nun in ihrer Annahme bestätigt, dass die Entfremdung von der Wirklichkeit durch diese Art von Medien eine neue Dimension erreichen würde. Eine ungleich größere Anziehungskraft üben heute die neuen Medien mit ihren weitreichenden technischen Möglichkeiten aus. Damit scheint auch ihre Gefährlichkeit, gewachsen zu sein. Ausdrücklich warnen Autoren wie Manfred Spitzer vor der Beschäftigung mit den neuen (digitalen) Medien:

„Meiden Sie die digitalen Medien. Sie machen [...] tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ [3]

Spitzer spricht in diesem Zusammenhang sogar von der Möglichkeit einer digitalen Demenz, einem Zustand höchster Selbstentfremdung. Damit begegnen wir dem medienkritischen Argument, das schon Rousseau formulierte.


[1] Einen Sammelband zu dieser Fragestellung hat Sybille Krämer herausgegeben: Medien, Computer, Realität Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Suhrkamp Wissenschaft, Frankfurt 1998.

[2] Auch heute existieren noch digitale Friedhöfe für die „verstorbenen“ digitalen Haustiere. [ http://www.raytec.de/tamagotchi/friedhof.htm ]

[3] Manfred Spitzer, Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012, S. 325.

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