Wirklichkeit, Realität, Wahrheit sind Begriffe für etwas, das wir allgemein voraussetzen aber kaum beschreiben können. So bemerkte Augustinus in seinen Cofessiones:

„Wenn niemand mich danach fragt, so weiß ich es, wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht“.

Die Unverzichtbarkeit eines Wirklichkeitsmodells führte im Verlauf der Geschichte zu unterschiedlichen Theorien darüber, was Wirklichkeit sei. Bei aller Verschiedenheit haben alle Erklärungsversuche einen der Neuzeit einen gemeinsamen Kern: Es ist unmöglich, Wirklichkeit unmittelbar zu erfahren. Wirklichkeit ist eine Deutung, eine Konstruktion und damit eine kreative Leistung der Menschen.

Diese abstrakt anmutende Vorstellung ist selbstverständlicher Teil unserer eigenen Lebenserfahrung aber auch unserer Geschichte. Alles, was man sieht und erlebt, relativiert man, indem man es in einen Bezug zu sich setzt. Wir alle durchlebten ganz unterschiedliche Wirklichkeiten [1] . Und im Verlauf der letzten 500 Jahre haben sich Wirklichkeitsmodelle abgelöst, die unsere Vorstellung von Welt und Raum und Zeit vollständig verändert haben.

So bleibt festzuhalten, dass es keine definierbare Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit gibt. Wirklichkeit ist immer das Ergebnis eines Prozesses, der wechselnden Einflüssen unterliegt: eine mehr oder weniger gelungene individuelle und temporäre Konstruktion. So wird erklärbar, dass in der Welt des Einen ganz andere Dinge bedeutsam sind als in der Welt des Anderen.

„Für manche Menschen kann das, was man als ‚Virtual Reality‘ bezeichnet durchaus wirklicher, relevanter, prägender sein als die Alltagswirklichkeit. [...] Gewiss hat auch ein Internetianer noch ein Alltagsleben und braucht es [...]. Aber es wird für ihn wenig aufregend sein.“ [2]

Die Bewältigung der Alltagswirklichkeit verlangt von jedem von uns ein Mindestmaß an Kenntnissen und Fertigkeiten, die kulturell vermittelt werden. Heute sind die neuen Medien ein wichtiger Aspekt dieser kulturellen Vermittlung.

Nicht zuletzt bestimmt das Medienverhalten des Einzelnen darüber, wie sein Wirklichkeitshorizont definiert ist. Medienerziehung erhält vor diesem Hintergrund einen ganz neuen Stellenwert. Es geht dabei nicht mehr um die Vermittlung von „Medienkompetenzen“, sondern um die Entwicklung und Vermittlung einer umfassenden „Medienbildung“, eines Weltwissens.

„Medienbildung beginnt [...] dort, wo die Vermittlung von Informationen aus subjektunabhängigen Datennetzen und Informationssystemen aufhört, und wo es um deren Verarbeitung und Integration in den eigenen Lebens- und Erfahrungskontext geht. Im Bildungsbegriff ist damit auch jene Perspektive aufgehoben, [...] die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Menschen sowohl ihr Ich, wie die Welt in der sie sich bewegen, letztlich selbst erzeugen, um sich darüber reflektierend zu verständigen.“

Obwohl die Schule im Medien- und Informationszeitalter ihr Informationsmonopol gegenüber Heranwachsenden verloren hat [3] , spielt sie bei der Integration der oft heterogenen Wissensströme eine entscheidende Rolle.

Weder in der Schule, noch in unserer modernen Informationsgesellschaft scheint es ratsam, Medienabstinenz zu predigen [4] . Allerdings ist es auch nicht vernünftig, die Medienbiographie junger Heranwachsender dem Zufall zu überlassen. Medienbildung ist kein Zufall, sondern bedarf einer erheblichen Anstrengung. Alle an der Erziehung Beteiligten müssen sich dieser Aufgabe stellen.


[1] So leben Kinder ganz selbstverständlich in einer Welt die von mythischen Vorstellungen geprägt ist. Und es dauert eine ganze Zeit, bis akzeptiert wird, dass es nicht Osterhase oder Christkind sind, die Geschenke bringen.

[2] Wolfgang Welsch: „Wirklich“. Bedeutungsvarianten – Modelle – Wirklichkeit und Realität. In: Medien, Computer, Realität. Ed. S. Kramer, S. 207.

[3] Jöran Muuß-Merholz: Kontrollverlust in der Schule. Wie das Web 2.0 die Mauern der Schule einreißt. In C ´t 3/2013, S. 138ff.

[4] Michael Seemann: Das Ende des freiwilligen Internets,
http://www.zeit.de/digital/internet/2010-08/streetview-opt-in (20.03.2013 11:04).

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