10.11.2016

Daxi

Inspiriert durch das Leben und Werk des Brasilianers Darcy Ribeiro

von Götz Bechtle

Daxi

Marcelo Miguel und Viral Soares (v. l.) bei der Aufführung von „Daxi“ in der Landesakademie Bad Wildbad
Foto: Bechtle

Die Theaterfläche befindet sich zwischen den Zuschauerreihen, in der Mitte steht ein hellbrauner Koffer. Rechts und links sieht man je einen Stuhl, verschiedene Requisiten, Lampen sowie Musikinstrumente. Das ist die Theaterbühne in der Landesakademie Bad Wildbad für „das theater instrumental“ aus Freiburg und die beiden Schauspieler Marcelo Miguel und Vital Soares.

Das Stück heißt zwar Daxi, gesprochen wird es allerdings wie „Darschi,“ und dies ist der Vorname des brasilianischen Schriftstellers Darci Ribeiro (1922-1997), der als einer der wichtigsten Denker Lateinamerikas im 20. Jahrhundert gilt. Als Romanautor nutzte er die Kraft der Literatur, um seine Einsichten in die Probleme der brasilianischen Gesellschaft darzustellen. Er war Ethnologe und lebte lange Zeit bei den Indigenas, wie man die in Südamerika zahlreich vorkommenden eigensprachlichen und in kleineren Gruppen in der Wildnis lebenden Indios nennt. Ribeiro war außerdem bis zum Militärputsch 1964 in Politik und Verwaltung tätig, u.a. als Bildungsminister. Im gleichen Jahr ging er ins Exil nach West-Berlin und kehrte erst zwei Jahrzehnte später wieder in seine Heimat zurück, wo er schließlich Kultusminister im Bundesstaat Rio de Janeiro wurde.

Ribeiro konzentrierte einmal den Zustand der südamerikanischen Gesellschaft in folgende Aussage: „Wir sind die, die nicht mehr wissen, was sie waren, ohne jene geworden zu sein, die wir sein könnten oder wollten.“ Damit zeigte er die Zerrissenheit der Südamerikaner auf, deren Indigenas aus ihrem ursprünglichen Leben entrissen und mit afrikanischen Sklaven und europäischen Menschen vermischt wurden. Zitat: „Ribeiro hat viele Leben gelebt und sagte von sich selbst, dass er oft seine Haut wechselte. Er hat in all seinen beruflichen und persönlichen Rollen dafür gekämpft, Brasilien zu verstehen und Brasilien zu helfen.“

Im Theaterstück „Daxi“ wird das Leben von Ribeiro vorgestellt, eng verknüpft mit der Geschichte des Landes. Erarbeitet wurde für die Inszenierung eine überaus kritische Version, die Sprache, Musik, Tanz, Gestik, Mimik, Trauer, Schmerz und das Publikum einbezog und durchaus in Spannung hielt. Marcelo Miguel spielt nicht nur die Rolle des Ribeiro, sondern hat auch zusammen mit Vital Soares das Stück entwickelt, wobei Soares stärker in den musikalischen Teil eingebunden ist. Sehr viel im Stück ist Symbolik, die man erahnen muss, anderes wiederum reizt zum Lachen, jedoch vor allem zum Mitfühlen und Nachdenken. Es gibt einige portugiesische Monologe, die man zwar nicht versteht, die sich jedoch durch Spiel und Musik selbst und die Geschichte der Menschen erklären. Dann wieder werden die Ereignisse in deutscher Sprache dargeboten. So gibt es nicht nur einen sprachlichen Wechsel, sondern gleichzeitig auch einen Wechsel im Spiel, in der selbst komponierten Musik und im brasilianischen Gesang.

Und der Koffer? Der symbolisiert das wechselvolle Leben von Ribeiro, ist jedoch gleichzeitig Requisit und Fenster, das die beiden Interpreten auf phantasievolle Weise nutzen. Die Rückkehr in sein geliebtes Brasilien hat Ribeiro einst als „die größte Freude seines Lebens“ bezeichnet. Im Spiel wird dies ausgelassen musikalisch und tänzerisch, sowie als Rap, dargestellt. Schwer krebskrank floh Ribeiro aus der Intensivstation, um sein Werk „Das brasilianische Volk“ zu schreiben sowie seine Theorie zur Entstehung des brasilianischen Volkes.

Auf der Bühne wurde dies in einzigartiger Weise von den beiden Schauspielern verkörpert, die das Leben von Ribeiro mit höchster Intensität und großem körperlichem Einsatz darzustellen wussten.

Im Anschluss an die Aufführung von „Daxi“ war es möglich mit Marcelo Miguel und Vital Soares ins Gespräch zu kommen, die es als große Ehre sahen, ihre Geschichte aufzeigen zu dürfen. Die aktuellen Verhältnisse in Brasilien bezeichneten sie als korrupt und höchst undemokratisch, da jetzt ein Präsident an der Macht ist, der nicht vom Volk gewählt wurde.

„Daxi“ wurde in Kooperation der Landesakademie mit der VHS Calw und im Rahmen des von Hubertus Welt initiierten „Festi-Walls“ für ein friedliches Miteinander aufgeführt, und so überbrachte Carmen Mattheis, Direktorin der Landesakademie, den Dank der Zuschauer für diese eindrucksvolle und außergewöhnliche Theateraufführung.

 

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