Fritz Kiehn – sozialer Arbeitgeber, NS-Funktionär, Opportunist? – eine kontroverse historische Bewertung in jüngster Vergangenheit
Kurzbeschreibung des Moduls:
Hintergrund
Bedeutung
Verlaufsplan
| Zeit/ Phase | Inhalte/ methodische Hinweise |
|---|---|
1. Doppelstunde | Umgang mit Schuld und Veantwortung heute - eine historische Annäherung an die Person Fritz Kiehn |
Einstieg EA UG | Straßenumbenennung - Facetten lokaler Auseinandersetzung mit ehemaligem NS-Funktionär Im Jahr 2020 wurde in der Gemeinde Deißlingen kontrovers diskutiert, ob die Fritz-Kiehn-Straße, die an den ehemaligen NS-Wirtschaftsführer Württembergs und an den Arbeitgeber und Spender erinnerte, umbenannt werden müsse. Die Schülerinnen und Schüler lesen einen Auszug aus der lokalen Presse ("Die Neckarquelle"), der sie mit dem Problem lokaler Erinnerungskultur konfrontiert. Die Quelle gibt Hinweise zur Schuld Fritz Kiehns: Reichstagsabgeordneter für die NSDAP, Unterstützer des NS-Regimes, Kontakt zur Führungsebene und Arisierungsgewinner. Entnazifizierung, ein Landeskredit und die gesellschaftliche Reputation Kiehns in der Nachkriegszeit sind weitere Problemfelder auf die der Artikel verweist. Angedeutet werden wertende Positionen des Jahres 2020, man könne mit der Namenstilgung keine Verbrechen ungeschehen machen, man solle Gras über die Sache wachsen lassen und der Appell, es sei aber die Pflicht der Nachkriegsgenerationen, die Erinnerung wach zu halten, beschließt den Artikelauszug. Die Werturteile regen zur Aussprache an, die in einem ersten Unterrichtsgespräch diskutiert werden. Selbstkritisch erkennen die Schülerinnen und Schüler, dass es weiterer Nachforschung bedarf, um historisch fundiert urteilen zu können. |
Erarbeitung 1 PA UG | Wer war Fritz Kiehn? - erste Hypothesen und Entwicklung von Forschungsansätzen Die Schülerinnen und Schüler arbeiten an Bildquellen, die facettenreiche Inszenierung Kiehns erkennen lassen. Er zeigt sich als Fabrikant, auch als Mensch nationalsozialistisch geprägter Ansichten, in der Nachkriegszeit zeigt er sich mit Adenauer und betont so die Nähe zur neuen demokratischen Grundordnung. Bewusste Konstruktion wird in den Bildquellen deutlich. Erste Hypothesen zur Person Kiehn werden aus den Ergebnissen der Bildanalyse und aus dem zuvor bearbeiteten Zeitungsartikel formuliert. Es drängt sich die Problemfrage auf, ob Kiehn ein Opportunist gewesen ist oder doch ein überzeugter Nationalsozialist. Weiter bleibt die Frage zu klären, ob Namensumbenennungen heute eine notwendige Konsequenz bzw. ein wichtiges Zeichen der Verantwortung sind und ob die Einschätzung als Opportunist oder überzeugter Nationalsozialist für die Entscheidung eine Rolle spielt. Die Schülerinnen und Schüler planen, mit welchen Quellen sie die beiden Fragen adäquat beantworten bzw. beurteilen könnten. In PA wird eine Internetrecherche zur Person Fritz Kiehn vorgenommen. Dabei stoßen die Schülerinnen und Schüler auf einen Beitrag auf der Seite von Leo-BW, der weiter zum Staatsarchiv Sigmaringen verweist. Im Plenum werden die Pläne zur Weiterarbeit und Quellen beurteilt. |
Erarbeitung 2 EA PA UG | Beweisaufnahme zur Causa Kiehn Im nächsten Unterrichtsschritt erhalten die Lernenden detailliertere Informationen zur Person Fritz Kiehn. Sie lesen eine kurze Biografie auf der Seite von Leo BW, der Beitrag ist ein historischer Fachtext der Historiker Berghoff und Rauh-Kühne. Nach der Lektüre bietet sich die Methode Think-Pair-Share an. Die Schülerinnen und Schüler tauschen sich über das Entnazifizierungsurteil "minderbelastet" aus, formulieren eine Zwischenbilanz zur Problemfrage, ob Kiehn als Opportunist oder überzeugter Nationalsozialist zu bewerten ist. Der Fachtext bietet Informationen, denen weiter nachgegangen werden kann. Die Schülerinnen und Schüler überlegen, welche Aspekte weiter untersucht werden müssten, um die Problemfragen beantworten zu können. Untersuchungsaspekte könnten beispielsweise auf einem TaskCard Pad gesammelt werden, hier könnten auch Ergebnisse aus der folgenden Arbeitsphase ergänzt werden. |
Erarbeitung 3 GA | weitere Beweisaufnahme, Forschung an digitalisiertem Archivmaterial Die Klasse wird in vier Gruppen eingeteilt, jede Gruppe bekommt Archivalien aus dem Bestand Wü 13 T 2 Nr. 2775/001 des Staatsarchives Sigmaringen zugeteilt. Die Dokumente sind digitalisiert und frei zugänglich, so dass die Schülerinnen und Schüler an Originalen arbeiten. Das Quellenmaterial wird zu den Untersuchungsaspekten aus der vorigen Arbeitsphase untersucht. So prüfen die Lernenden zu welchen Themenbereichen (Arisierungsgewinner, Skandalfigur in den 30er Jahren, Entnazifizierung, Prototyp des radikalisierten Kleinbürgers, Kreditvergabe in den 50er Jahren und Rehabilitation Kiehns in der Nachkriegszeit) die Quellen Aufschluss bieten. Erkenntnisse können im TaskCard Pad gesammelt werden. Eine kritische Arbeit mit den Quellen wird verlangt, auch eine Überprüfung des bisher formulierten Urteils zu Fritz Kiehn. |
Auswertung GA UG | Präsentation der Untersuchungsergebnisse Bleibt am Ende der ersten Doppelstunde Zeit, präsentiert jede Arbeitsgruppe die erlangten Forschungsergebnisse, die bereits auf dem Pad eingetragen sind. So kann am Ende der Arbeitsphase überprüft werden, für welche Thesen Beweise erbracht sind und zu welchen Bereichen noch keine Hinweise in den Dokumenten gefunden werden konnten. Ist die Zeit zu knapp, kann diese Phase auch als Einstieg in die zweite Doppelstunde eingeplant werden. |
2. Doppelstunde | Umgang mit Schuld und Verantwortung heute - eine differenzierte Diskussion über Schuld und deren über Schuld und deren Facetten |
Einstieg EA UG | Disparate Aussagen zu Fritz Kiehn Disparate Aussagen zur Person Fritz Kiehns und Gedanken zum Umgang in der heutigen Zeit mit der NS-Vergangenheit bilden den Einstieg in die zweite Doppelstunde. Knappe Zitate aus verschiedenen Jahrzehnten geben einen Eindruck von der facettenreichen Person Fritz Kiehn und dem ebenso vielfältigen Umgang mit NS-Funktionären in der Nachkriegsgeschichte. Die Aussagen werden einzeln ausgedruckt und im Klassenzimmer ausgelegt. Die Schülerinnen und Schüler gehen still durch die Galerie und lesen die Aussagen. Anschließend positionieren sie sich bei der Aussage, die sie unterstützen, oder die sie besonders stark ablehnen oder dort, wo sich Fragen auftun. Im Unterrichtsgespräch begründen die Lernenden ihre Positionierung. Die Gesprächsphase dient der Wiederholung, der Konsolidierung von Wissen und der Schaffung einer Diskussionsgrundlage für die Unterrichtsstunde. Im Zentrum der Doppelstunde steht die Frage, ob Namensumbenennungen von Straßen heute eine notwendige Konsequenz sind und ob es für die Entscheidung wichtig ist, ob ein Funktionär wie Kiehn als Opportunist oder als überzeugter Nationalsozialist zu sehen ist. Sollte die Präsentationsphase der arbeitsteiligen Gruppenarbeit aus der ersten Doppelstunde noch nicht durchgeführt sein, dann passt dies nach diesem Einstieg ganz gut. |
Erarbeitung 4 GA/EA EA/Präs/GA | Reflexionen zur öffentlichen Auseinandersetzung mit Fritz Kiehn in Deißlingen und Trossingen - Zeitzeugen berichten In Gruppen von je acht Schülerinnen und Schüler werden Interviewausschnitte mit Ralf Ulbrich, Bürgermeister von Deißlingen, und Martin Häffner, Stadtarchivar von Trossingen, gehört. Da es acht Audioaufnahmen sind, hört jedes Gruppenmitglied einen Beitrag, protokolliert wesentliche Inhalte und beantwortet eine spezifische Frage zum gehörten Beitrag. Anschließend stellt jedes Gruppenmitglied die Ergebnisse in der Gruppe vor. Die beiden Zeitzeugen berichten über Entscheidungsprozesse, Reaktionen in der Bevölkerung, Schuld, Aufarbeitung, Verantwortung heute, die Erkenntnis, dass an der historischen Diskussion Disparatheiten der heutigen Gesellschaft deutlich werden und wie heutige Medien dazu beitragen, dass Meinungen verletzend und radikal geäußert werden. |
Erarbeitung 5 EA/PA | Debatte zur Causa Fritz Kiehn (Vorbereitung) Nach Forschungsarbeit, Beweisaufnahme und der Konfrontation mit verschiedenen Positionen zur Causa Kiehn kommen die Schülerinnen und Schüler zu eigenen Werturteilen. Eine Debatte zu den Fragen: Ist es 80 Jahre nach dem Zerfall der nationalsozialistischen Diktatur für eine demokratische Gesellschaft eine wichtige Konsequenz der Verantwortung eine Straße, einen Platz, eine Turnhalle, die den Namen eines NS-Funktionärs trägt, umzubenennen? Spielt es dabei eine Rolle, ob Kiehn Opportunist oder überzeugter Nationalsozialist gewesen ist? wird vorbereitet. Zwei Schülerinnen und Schüler übernehmen die Rolle der Moderatoren und zwei Lernende führen Protokoll. Als Vorbereitungszeit sollten zehn Minuten genügen. In dieser Zeit bereiten die Moderatoren einen thematischen Einstieg in die Debatte und eine Abstimmung der Teilnehmenden über die Problemfragen vor (dies kann mit digitalen Tools verwirklicht werden oder über eine analoge Punktabfrage). Die Protokollanten bereiten in der Vorbereitungsphase die Zuständigkeitsbereiche vor und die Diskutierenden legen sich ein begründetes Werturteil zurecht. |
Erarbeitung 6 UG/Präs | Durchführung der Debatte Im nächsten Unterrichtsschritt wird die Debatte durchgeführt. Ablauf der Debatte 1) Die Moderatoren eröffnen die Debatte mit einer thematischen Einführung und Erläuterung der Diskussionsfragen 2) Erste Abstimmung der Teilnehmenden zu den Debattenfragen 3) Diskussion 4) Die Protokollanten präsentieren die wesentlichen Argumente aus der Diskussion 5) Zweite Abstimmung der Teilnehmenden und Vergleich mit der ersten Abstimmung 6) Reflexion über eventuelle Veränderungen im Abstimmungsergebnis Die Schülerinnen und Schüler kommen in dieser Unterrichtsphase zu einer eigenen differenzierten Urteilsfindung. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Demokratiebildung. |
Transfer UG | Relevanz der Fragestellung für heute An die Debatte schließt sich ein Unterrichtsgespräch über die Relevanz des Themas an. Die Schülerinnen und Schüler realisieren, dass Opportunismus stets ein Thema in der Menschheit ist, gleichgültig in welcher Zeit. Diese Eigenschaft spielt Systemen wie der nationalsozialistischen Diktatur in die Hände, wie am Beispiel Kiehn gezeigt werden kann. Das demokratische System ist keine Selbstverständlichkeit, autokratische Systeme heute zeigen das und die Bedrohung unserer Demokratie durch rechtspopulistische bis extremistische Ideen ist Realität. Deshalb ist es wichtig, dafür zu sensibilisieren, dass menschliche Eigenschaften leicht politisch missbraucht werden könnten. |
