Baden-Württemberg Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung
Der Keltenfürst von Hochdorf – ein schwäbischer Tutanchamun? Der Lernort Keltenmuseum Hochdorf
Autor/in: Dr. Michael Hoffmann, in Verbindung mit Monica Knopf M.A. und Prof. Dr. Thomas Knopf (Keltenmuseum Hochdorf)
Kompetenzzentrum für Geschichtliche Landeskunde im Unterricht
Grabkammer des Keltenfürsten von Hochdorf
Die Grabkammer des Keltenfürsten von Hochdorf
Kurzbeschreibung des Moduls:
Das Unterrichtsmodul richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 und 7, die einen Lerngang zum Keltenmuseum Hochdorf unternehmen. Es stellt Materialien für die Vor- und Nachbereitung zur Verfügung, die passgenau zur dortigen Ausstellung und den pädagogischen Angeboten vor Ort konzipiert sind. Unter der leitenden Fragestellung, inwiefern es sich beim Keltenfürsten von Hochdorf um einen "schwäbischen Tutanchamun" handelt, wird die ägyptische Hochkultur mit der Kultur der Kelten systematisch verglichen. Der kriteriengestützte Vergleich wird im Unterricht vorbereitet und wiederholt die Merkmale der ägyptischen Hochkultur. Vor Ort ergänzen die Schülerinnen und Schüler die entsprechenden Befunde für die keltische Kultur auf der Basis der Ausstellung und resümieren dann in der Nachbereitung das Ergebnis des Vergleichs. Dazu gehören einerseits auffällige Parallelen wie prächtige Bestattung, Repräsentationsbedürfnis oder Handwerkskunst, andererseits aber auch Unterschiede wie das Fehlen von Schrift, die kleinräumige Herrschaft oder die Absenz von Verwaltungsstrukturen bei den Kelten. Oft wird dafür in der Forschung von der "Schwelle" zur Hochkultur gesprochen, an der die Kelten standen.
1. Hintergrund
a) Historische Einordnung
In Südwestdeutschland, der Mittelschweiz und Ostfrankreich wurden im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. Großgrabhügel mit reich ausgestatteten Gräbern angelegt. Schon bald nach den ersten Untersuchungen im 19. Jahrhundert begann man, diese prunkvollen Bestattungen mit frühkeltischen „Fürsten" in Verbindung zu bringen, ein Begriff, der sich schließlich einbürgerte. Die meisten Großgrabhügel gruppieren sich um befestigte Bergsiedlungen, die sogenannten „Fürstensitze". Man gelangte zu der Auffassung, dass in der frühkeltischen Epoche von diesen zentralen Orten aus größere Gebiete politisch und wirtschaftlich beherrscht wurden. Einer dieser Fürstensitze ist der Hohenasperg, in dessen Umgebung sich einige der typischen monumentalen Grabhügel befinden. Grabungen älterer Zeit stießen jedoch stets auf bereits beraubte und geplünderte Grabkammern. Aus diesem Grund stellt die Entdeckung des Fürstengrabes von Hochdorf einen Glücksfall, ja gar einen Jahrhundertfund dar. Im Laufe der Jahrhunderte war der mächtige Grabhügel abgetragen worden, das darunterliegende Grab blieb unversehrt. Die Funde der Ausgrabung erzählen vom Alltag der Menschen in frühkeltischer Zeit und geben Einblick in die Handwerke, die am Ort ausgeübt wurden. Dass die Siedlung von Hochdorf etwas Besonderes war, belegen herausragende Fundobjekte: die älteste Feinwaage, die jemals nördlich der Alpen gefunden wurde, und Fragmente von Trinkschalen, die im 5. Jahrhundert. v. Chr. aus dem fernen Athen importiert worden waren. Die Grabungen ergaben Grundrisse von mehreren Hofanlagen. Besonders spektakulär waren jedoch die Funde in der Grabkammer selbst. Dazu zählten eine Bronzesitzbank, ein Prunkwagen, ein bronzener Kessel griechischer Herkunft und goldener Schmuck. In Verbindung mit dem monumentalen Grabhügel und dem Fürstensitz vom Hohenasperg scheint es sich bei dem Bestatteten um einen politisch mächtigen und sozioökonomisch wohlhabenden "Fürsten" mit erkennbarem Repräsentationsbedürfnis zu handeln. Etwas zugespitzt hat man ihn auch als schwäbischen Tutanchamun bezeichnet.
Das Museum selbst ist dem frühkeltischen Fürstengrab von Hochdorf mit seinen einmaligen Funden und Befunden aus der Zeit um 540 v. Chr. gewidmet. Die Fülle der Erkenntnisse über den Lebensstil der Hallstattfürsten, die man bei den wissenschaftlichen Untersuchungen dieses außergewöhnlichen Grabes gewonnen hat, stellt das Museum in anschaulicher Weise dar. Das Museumsgebäude greift Elemente des Grabbaus auf und übersetzt sie in moderne Formensprache. Auf der Basis dieser Befunde entstand der Nachbau eines keltischen Gehöfts im Freibereich neben dem Keltenmuseum.
b) Historische und didaktische Bedeutung
Die Kelten haben bereits ab dem 6. Jahrhundert große Teile des heutigen Baden-Württembergs besiedelt und vielfältige Spuren hinterlassen, man denke nur an die zahlreichen Funde und Ausgrabungen oder auch keltische Flussnamen, die wir bis heute benutzen. Keltische Spuren gehören also in Baden-Württemberg in besonderem Maße zur Regionalgeschichte, deren Behandlung im Unterricht auch der Bildungsplan nahelegt. Wissenschaftler sehen zudem die keltische Zivilisation insgesamt "an der Schwelle" zur Hochkultur, d.h. eine Beschäftigung mit den Kelten ermöglicht auch, die im Unterricht von Klasse 6 bzw. 7 übliche Beschäftigung mit den Hochkulturen Ägyptens, der Griechen und des Römischen Reichs zu vertiefen. Der didaktische Mehrwert einer Thematisierung der keltischen Epoche liegt dadurch gerade im systematischen Vergleich mit der ägyptischen Hochkultur. Indem die Schülerinnen und Schüler den Hochdorfer Keltenfürsten mit dem ägyptischen Pharao vergleichen, lernen sie zunächst, dass vergleichen nicht gleichsetzen bedeutet. Um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen, verstehen sie, dass es historischer Kategorien wie Herrschaft, Wirtschaft oder Religion bedarf, aus denen man Vergleichskriterien bilden kann.
2. Das Thema im Unterricht
a) Vorbereitung und Nachbereitung der Lernortexkursion
Zeit/Phase
Inhalte/methodische Hinweise
Einzelstunde
Vorbereitung in der Schule (ca. 45 Minuten)
Einstieg
Die Schülerinnen und Schüler beschreiben zwei Fotos vom Grabhügel bzw. der Grabkammer des Keltenfürsten von Hochdorf und erkennen darin einen wohlhabenden und mächtigen Fürsten der Keltenzeit. Sie setzen sich anschließend mit dem Begriff "Schwäbischer Tutanchamun" auseinander, was eine Gleichsetzung mit einem ägyptischen Pharao dieses Namens anzudeuten scheint. (AB 1)
Erarbeitung 1
Die Schülerinnen und Schüler schlagen in ihrem Schulbuch Seiten zu den Pharaonen und zu den Pyramiden nach und entwickeln erste Überlegungen, wie man den Keltenfürsten mit einem ägyptischen Pharao vergleichen kann (AB 1)
Erarbeitung 2
Die Schülerinnen und Schüler überlegen sich gemeinsam Vergleichskriterien auf der Grundlage der Merkmale einer Hochkultur, die im Unterricht/Schulbuch verwendet werden. Sie halten diese nach Oberbegriffen sortiert in einer Tabelle fest und füllen dann anschließend die Lösungen für Ägypten ein. (AB 2)
Folgende Kriterien könnten von Schülerinnen und Schülern als Fragen formuliert und zugeordnet werden:
Geographie: Gab es einen wichtigen Fluss oder eine fruchtbare Landschaft?
Herrschaft: Gab es einen Alleinherrscher? Gab es einen Staat mit Beamten? Wie groß war das Herrschaftsgebiet?
Gesellschaft: Waren die Menschen sesshaft und siedelten in Häusern? Waren die Häuser verschieden?
Wirtschaft/Technik: Gab es Arbeitsteilung und unterschiedliche Berufe? Welche technischen Erfindungen wurden genutzt? Welche Metalle waren bekannt?
Religion: Gab es eine Religion? Wurden viele Götter verehrt oder nur einer? Wie wurden die Verstorbenen auf das Leben nach dem Tod vorbereitet? Wie wurden die Herrscher beerdigt?
Kultur: Gab es eine Schrift? Gab es einen Kalender? Gab es Schulen und Bildung?
Dieses Arbeitsblatt soll dann zur Exkursion nach Hochdorf mitgenommen werden und für die keltische Seite ergänzt werden. (AB 2 Lösung)
Der Lernortbesuch im Keltenmuseum Hochdorf kann in Vorabsprache mit der dortigen Leitung passgenau zu diesem Unterrichtsvorschlag gebucht werden. Die Führung und ggf. Workshops vor Ort sind auf die Vergleichskriterien des AB ausgerichtet.
Es bietet sich an, die Schülerinnen und Schüler je ein Foto zum Thema "Das war für mich der interessanteste Fund" machen zu lassen.
Einzelstunde
Nachbereitung in der Schule
Einstieg
Vorstellung einzelner Fotos und Besprechung der Eindrücke
Erarbeitung
Besprechung des Vergleichs:
Für eine ausführliche Wiederholung können Auszüge aus dem Begleitmaterial des Museums verwendet werden:
Die Schülerinnen und Schüler können am Beispiel Ägyptens die Grundstrukturen einer frühen Hochkultur analysieren und bewerten sowie mit den Lebensverhältnissen in Europa während der Steinzeit vergleichen.