Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft
Naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinn
Was sind Naturwissenschaften?
Naturwissenschaftliche Methodik
Am Anfang steht das Phänomen
Ein Beispiel aus dem Alltag:
| Schritt 1 | Nehmen wir an, Sie haben in den letzten paar Nächten schlecht geschlafen. Normalerweise sind Sie ein guter Schläfer, insofern ist das etwas Ungewöhnliches. Was könnten Gründe für die Schlafstörungen sein? Die Klausuren nächste Woche? Nein, die gab´s ja schon vorher und da haben Sie auch immer gut geschlafen. Die letzten Wochen waren sehr heiß und schwül, Sie haben große Mengen an Eistee, Ihrem Lieblingsgetränk, getrunken. Es könnte also sehr gut möglich sein, dass das darin enthaltene Koffein Ihren Schlaf gestört hat. Ist das die richtige Erklärung? |
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| Schritt 2 | Ein relativ schneller und einfacher Test – ein Experiment – wird eine Antwort geben. Sie trinken an den nächsten Abenden anstatt des Eistees Eis wasser . |
| Schritt 3 | Falls Sie wieder normal schlafen, können Sie davon ausgehen, dass Ihre Erklärung richtig war. Sie kommen zu der Feststellung, dass Koffein Ihren Schlaf behindert. |
| Schritt 4 | Wenn nicht schon längst geschehen, könnte jemand auf die Idee kommen, diese Einsicht / Gesetzmäßigkeit zu nutzen, indem er „Wachmacher-Getränke“ oder Tabletten auf Koffeinbasis herstellt, vertreibt und damit steinreich wird. |
Ein Beispiel aus der Physik:
| Schritt 1 | Die Anfänge der Elektrizität gehen auf das Phänomen der Influenzerscheinungen sowie Versuche von Guericke 1672 zurück. Am Anfang des Erkenntnisgewinns steht hier als Erklärungsansatz die Hypothese von der Existenz eines elektrischen Fluidums . |
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| Schritt 2 | Diese Hypothese reichte zusammen mit dem Ladung sbegriff aus, um experimentell als erste Gesetzmäßigkeit das coulombsche Gesetz zu finden. |
| Schritt 3 | In den folgenden Jahrzehnten wurden weitere Experimente geplant und durchgeführt, die zu jeweils neuen Phänomenen wiederum ihre eigenen Hypothesen in sich trugen. Die Voltasäule und das amperesche Gesetz wurden ermittelt. Beide Gesetzmäßigkeiten waren zusammen mit dem magnetischen Feldbegriff die Voraussetzungen für das faradaysche Induktionsgesetz. Die maxwellsche Hypothese, nach der sich Licht und Elektromagnetismus in einer Theorie darstellen lassen, erstaunte die Zeitgenossen. Die maxwellschen Gleichungen sind bis heute gültig und beschreiben die gesamte Elektrodynamik. Erst nach 1864 wurde die Existenz der Elektronen als Teilchen nachgewiesen. Mit der speziellen Relativitätstheorie und den Atommodellen fand die klassische Physik zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Die Teilchenvorstellung führte jedoch in Experimenten zu Widersprüchen. In die modernen physikalischen Theorien ging der Dualismus von Teilchen und Welle für Elektronen ein. |
| Schritt 4 | Erst nach Jahrzehnten technischer Entwicklung können anwenderorientierte Produkte wie Laser, Brennstoffzelle, Handy oder Rastertunnelmikroskop gekauft werden. Teilweise gehen diese Geräte auf die Nutzbarmachung jahrhundertealter Einsichten zurück. Das Beispiel aus der Physik steuerte Heller, Karl, Philipp-Matthäus-Hahn-Schule, Nürtingen bei. |
Zur Vertiefung:
Übungen
Geisteswissenschaftliche Erkenntniswege
Geisteswissenschaftliche Methodik
Am Ende (nur?!) Bewusstsein
| Schritt 1 | Die Dramen von William Shakespeare beschäftigen Literaturwissenschaftler noch heute. Nicht etwa, weil man es bisher nicht geschafft hätte, die Rätsel zu lösen, für die es sicher Gesetzmäßigkeiten bzw. Lösungen gibt. Die Wissenschaftler sind darauf aus, immer neue Aspekte in seinem literarischen Werk zu entdecken, um damit die Bedeutung Shakespeares für seine Zeitgenossen und für die Nachwelt zu erfassen. |
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| Schritt 2 | Um nun zu „testen“, ob er mit seiner Deutung der Shakespearedramen richtig liegt, tritt der Wissenschaftler in einen Dialog mit anderen Wissenschaftlern. Dieser Dialog ist eine „Sammlung subjektiver Einschätzungen“ und Ersatz für einen Test, der objektiv die Richtigkeit der eigenen Thesen beweisen könnte, den es aber nicht gibt. Hier macht sich bei den Beteiligten möglicherweise Frustration breit, denn Richtiges und Falsches lassen sich nicht immer sauber trennen und so wird den Geisteswissenschaften gerne Beliebigkeit vorgeworfen. |
| Schritt 3 | Spätestens bei diesem Schritt geraten Natur- und Geisteswissenschaften aus ihrem bisherigen Gleichschritt. Der Geisteswissenschaftler stolpert und der Naturwissenschaftler schaut sich mitleidig um. Während er jetzt daran gehen kann, seine theoretischen Einsichten in technische Innovation (und möglicherweise bare Münze) umzusetzen, bleibt dem Geisteswissenschaftler nur die traurige Gewissheit, dass er sein diffuses und in unendlicher Ferne liegendes Ziel eines wie auch immer gearteten „Weltgeistes“, einer „ultimativen Gesetzmäßigkeit für menschliches Handeln“ niemals wird erreichen können. Vielleicht hat er dieses Ziel auch nie gehabt... |
| Schritt 4 | So richtet sich sein Augenmerk nicht auf die Reproduzierbarkeit der Phänomene ( ein Shakespeare reicht doch und Kopien sind immer schlecht!), sondern darauf, dass er als Mensch die Fülle der Einzelerscheinungen, die ihm das Leben bietet, wahrnimmt und als bereichernd, als bildend, in letzter Konsequenz als sinngebend erkennt. Ziel der Naturwissenschaften ist die Daseinsbewältigung. Ziel der Geisteswissenschaften ist es, für dieses Dasein ein Bewusstsein zu schaffen. |

