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Gedankenlesen mit dem Hirnscanner?
Das Thema in Kürze
• Nicht nur mit unseren angeborenen und erlerntenbiologischen Mitteln, sondern auch durch Methoden der Hirnforschung können wir versuchen, bestimmte Gedanken zu lesen.
• Die Ergebnisse der bildgebenden Hirnforschungeröffnen die Möglichkeit, aus Beobachtung der individuellen Hirnaktivierung auf einen vorliegenden mentalen Prozess zu schließen.
• Unter Organisation von Forschern der UniversitätPittsburgh findet in diesem Jahr schon der zweite „Brain Interpretation"-Wettbewerb statt.
• Den wesentlichen Fortschritt bieten neuen Auswerteverfahren,die nach spezifischen, räumlich verteilten Mustern in den Signalen der neuronalen Aktivität suchen.
• Diese Verfahren rücken den Gedanken näher, unterliegen jedoch auch selbst noch methodischen und konzeptionellen Einschränkungen.
• Insbesondere fehlen noch die theoretischenRahmenbedingungen, um sich die konkrete Bedeutung der gefundenen Muster zu erschließen.
Eine der fundamentalen Annahmen der Hirnforschungist, dass geistige Prozesse im Gehirn realisiert sind. Die bildgebenden Verfahren,allen voran die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) seit den 1990erJahren, haben es ermöglicht, diese Denkprozesse genauer zu erforschenals mit vorherigen Methoden, etwa elektrophysiologischen Ableitungen oderElektroenzephalogrammen. So kommt es, dass man inzwischen schon von der kognitivenNeurowissenschaft als eigener Disziplin spricht, die es sich zum Zielgesetzt hat, die neuronalen Grundlagen des Denkens zu enthüllen. Mit Gedankenlesenhat das zunächst noch nichts zu tun, doch stellt sich die Frage, wann die Methodenweit genug fortgeschritten sein werden, um beispielsweise einen bestimmten Denkprozess im Gehirn sichtbar zu machen oder gar zu entschlüsseln.
Gedankenleser von Natur aus
Diese Idee entstammt dabei keineswegs der Science-Fiction-Literatur.Schließlich sind wir alle von Natur aus mit der (allerdings begrenzten) Fähigkeitausgestattet, zu erkennen, was gerade im Inneren eines Gegenübersvor sich geht. In diesem Zusammenhang spricht man auch in der Forschungsliteraturvon „mind reading" (1-4). Was die neuronalen Grundlagen dieser auch „theory of mind" oder „mentalizing" genannten Fähigkeiten sind, ist schon ausführlich in MRT-Studien untersucht worden (5-9). Interessant ist, dass bei den Aufgaben des natürlichen Gedankenlesens ein ähnliches Netzwerk von Hirnregionen aktiviert zu sein scheint wie auch beim Lösen moralischer Probleme (10) oder selbstbezogener Aufgaben (11, 12). Für die klinische Forschung ist etwa relevant, dass Patienten mit autistischer Störung bei diesen Aufgaben behaviorale Defizite zeigen, die in jüngster Zeit auch mit bildgebenden Verfahren untersucht wurden (13-16). Unterschiede zu gesunden Versuchspersonen wurden dabei beispielsweise im sogenannten Spiegelneu-ronsystem festgestellt, das wiederum als plausibler Kandidat für unsere Fähigkeit gehandelt wird, uns gedanklich in andere hineinzuversetzen (1,17).
Jenseits unserer natürlichen Fähigkeiten versuchenHirnforscher mithilfe ihrer Messdaten vorherzusagen, welcher kognitiveProzess gerade in einer Versuchsperson vorgeht. Einen frühen Versuch hierzuunternahmen Kathleen O'Craven und Nancy Kanwisher bereits 2000. Sie zeigtenProbanden im Hirnscanner Bilder von Gesichtern und Plätzen und batensie in einem zweiten Experiment, sich zu bestimmten Zeitpunkten diese Objektelediglich vorzustellen. Dabei machten sich die Forscherinnen diehohe funktionale Spezifizität zweier Hirnregionen zu Nutze, die auf eben dieseStimuli, Gesichter und Plätze, besonders stark reagieren: das sogenanntefusifor-me Gesichtsareal (FFA) im ventralen okzi-pito-temporalen Kortex sowieein weiter vorne und innen im kollateralen Sulkus gelegenes kortikalesAreal, das als parahippo-campale Platzregion (PPA) bezeichnet wird. Bei derAuswertung der gemessenen BOLD-Signale, die ein Indikator für die neuronaleAktivität sind, konnten sie anhand der individuellen Signalverläufe, alsoden MRT-Rohdaten, hinterher bestimmen, wann eine Versuchsperson ein Gesichtsah und wann einen Platz, da für erstere die Signale in der FFA im Mittelum 1,94%, für letztere in der PPA um 0,91% höher waren (18). Interessanterweisegelang ihnen dies selbst dann, wenn die Probanden sich Gesichter oderPlätze einfach nur vorstellten (0,72 beziehungsweise 0,69%). Ein externer Gutachter,der nicht in die experimentelle Prozedur eingeweiht war, konnte anhand dieserSignalverläufe mit 85%iger Genauigkeit bestimmen, wann sich eine Versuchspersongerade ein Gesicht und wann einen Platz vorstellte. Da es genau zwei Möglichkeitengab, liegt dieses Ergebnis deutlich über dem Zufallswert von 50%. O'Cravenund Kanwisher ziehen aus diesen Ergebnissen die weitreichenden Schlüsse, dass„der Inhalt einzelner mentaler Ereignisse mit einer hohen Genauigkeitanhand der fMRT-Rohdaten bestimmt werden konnte" und „der Traum davon,neuronale Korrelate einzelner und diskreter mentaler Ereignisse" nun„Realität geworden ist" (18: 1019). Wenn man beispielsweise bedenkt, dassdie Unterscheidung nur sehr grobkörnig für die allgemeinen Kategorien der Gesichterund Plätze funktionierte und nicht für bestimmte Gesichter, etwa das vonAlbert Einstein gegenüber dem Angela Merkels, und dass es in ihrem Experimentaußer den beiden Zielklassen keine Kontrollkategorie gab, zum Beispielmit Alltagsgegenständen oder Tierfotos, dann würden wohl nicht nur kritischephilosophische Begutachter, sondern auch ihre neurowissenschaftlichen Kollegendie Schlussfolgerungen als zu hoch gegriffen zurückweisen. O'Craven und Kanwisherkam für ihr Experiment also die Hirnphysiologie entgegen, denn nur dasVorhandensein so hoch spezialisierter Regionen wie FFA und PPA haben dieVorhersage anhand der fMRT-Daten mit ihrer einfachen Methode erlaubt.Andere Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass die FFA nicht ausschließlichbei Gesichtern, sondern auch Bildern bestimmter emotionaler Valenz aktiviertist (19). Kanwishers Theorie über die Gesichtsspezifizität der FFA widersprechenaußerdem starke Aktivierungen für Bilder von Autos, die man bei Autoexpertengefunden hat, oder für Bilder von Vögeln, die man bei Ornithologen gefundenhat (20). Damit würde die FFA also nicht nur spezifisch für Gesichter aktiviert,sondern generell für alle Stimuli, für die eine Versuchsperson eine bestimmteExpertise entwickelt hat (21). Allerdings: Inzwischen weiß man aus Untersuchungenmit Einzelzellableitungen bei Epilepsiepatienten, dass individuelle Gesichter,etwa das der Schauspielerin Jennifer Aniston, unabhängig von der konkretenBetrachtungsperspektive im medialen Temporallappen von Menschen ganzspezifische neuronale Feuerungsmuster hervorrufen (22). Eine Unterscheidungvon gesehenen oder vorgestellten individuellen Gesichtern auf dieser feinkörnigen Ebene scheint damit zumindest prinzipiell möglich.
Kino im Hirnscanner
Einen anderen Gedanken verfolgten Uri Hasson undRafael Malach mit ihren Kollegen. Sie zeigten fünf Versuchspersonen imHirnscanner einfach eine halbe Stunde lang einen Ausschnitt des Westernklassikers„Zwei glorreiche Halunken" mit Clint East-wood in der Hauptrolle. Mitden gemessenen Hirndaten wollten sie anschließend die zwei Fragen untersuchen,ob man die Signale einer Versuchsperson benutzen kann, die Hirnaktivitätder anderen vorherzusagen, und ob man in einer umgekehrten Korrelationdie Messdaten dafür verwenden kann, bestimmte Filmszenen zu identifizieren,die gemeinsame Hirnaktivierungen hervorrufen. Zur Beantwortung der ersten Frageverglichen sie die zehn möglichen Kombinationen der aufgenommenen Hirnaktivierungzwischen den Versuchspersonen, nachdem ihre Aufnahmen in den standardisiertenTalairach-Raum transformiert worden waren. Im Mittel fanden sie dabeieine Korrelation zwischen den Personen von knapp 30% (23). Interessanterweisebeschränkten sich diese Korrelationen jedoch nicht nur auf die visuellenund auditorischen Kortizes, sondern erstreckten sich auch auf höhere gesichts-,platz- oder objektbezogene Areale. Um zu überprüfen, ob diese Übereinstimmungnicht nur auf Störsignale des Scanners zurückzuführen ist, stellten dieForscher einen ähnlichen Vergleich für eine Ruhebedingung an, in denendie Versuchspersonen nur einen schwarzen Bildschirm gesehen hatten. Hier korrelier-tenjedoch weniger als 3% der Signale miteinander. Zur Beantwortung der zweitenFrage mittelten sie die Zeitverläufe der Messdaten der fünf Probanden und wähltendie maximalen Amplituden für ausgewählte Hirnareale aus. Für die schon erwähntenFFA und PPA ergab sich dabei, dass alle der 16 Maxima in der FFA bei Szenenauftraten, die hauptsächlich die Gesichter der Schauspieler in Großaufnahmezeigten und 12 der 16 Maxima in der PPA mit der Darstellung von Plätzen im Zusammenhang standen. Bei 15 der 16 Aktivierungsmaxima einer
anderen Region, dem postzentralen Sulkus, konntensie eine Spezifizierung für schwierige Fingerbewegungen nachweisen, etwawenn einer der Ganoven seinen Revolver lud. Dies macht insofern Sinn, als dieseRegion mit der Körperwahrnehmung assoziiert ist. So gelang es Hassonund Malach durch ihre Rückwärtskorrelation, Filmszenen zusammenstellen, die für eine starke Aktivierung in ausgewählten Hirnarealen sorgten.
Diese Studie hat zwar nur am Rande mit Gedankenlesenzu tun, zeigt aber zumindest, dass die physiologischen Grundbedingungenfür die Interpretation gemessener Hirnaktivität günstig sind. So ist es auchkaum überraschend, dass Hassons und Malachs Untersuchung einen „BrainInterpretation"-Wettbewerb inspiriert hat, der letztes Jahrauf der „Human Brain Map-ping"-Konferenz in Florenz zum ersten Mal ausgetragenwurde (24,25). Statt eines Wes-terns wählten die US-amerikanischen Forschervon der Universität Pittsburgh, die den Wettbewerb organisierten, Szenen ausder Heimwerker-Kömodie „Hör mal, wer da hämmert". Drei Versuchspersonenwurden jeweils drei 25-minütige Sequenzen dieser Fernsehserie gezeigt, währendein MRT-Scanner ihre Hirnaktivierung aufzeichnete. Anschließend mussten dieProbanden entlang zwölf ausgewählter Kategorien noch Auskunft über denInhalt der Filmszenen erteilen und zum Beispiel bestimmen, ob der Ausschnittmit Musik untermalt war oder in der Szene gesprochen wurde. Die Daten der erstenbeiden MRT-Durchgänge wurden dann zusammen mit den Bewertungen der Versuchspersonenden Teilnehmern des Wettbewerbs zugänglich gemacht. Der dritte Datensatzwurde jedoch ohne diese Zusatzinformation verteilt und es galt, alleinanhand der Hirnaktivierung zu rekonstruieren, was die Versuchspersonenwährend dieses Durchgangs gesehen und erlebt hatten. Das Preisgeld inHöhe von 10000 Dollar konnte eine Gruppe italienischer Informatiker gewinnen.Emanuele Olivetti und seine Kollegen von der Universität Trento wusstenzwar nichts über das Gehirn, als sie mit ihrer Arbeit für den Wettbewerb begannen,sind dafür aber Experten im Umgang mit großen Datenmengen und kennen sich mitAlgorithmen des Maschinenlernens und der künstlichen Intelligenz bestens aus.Ihr Programm, das sie auf einem Supercomputer die vielen Millionen gemessenenDatenpunkte (Voxel) der Versuchspersonen aus Pittsburgh analysieren ließen,konnte schließlich für einige Kategorien mit bis zu 84%iger Trefferquote dieAngaben der Probanden für die dritte Videosequenz bestimmen. Besondersgut klappte es für Musik und Sprache, weniger Erfolg hatten sie jedochmit der Bestimmung der Gefühle, in welche die Szenen die Betrachter versetzthatten, sowie für den Grad der Aufmerksamkeit, den sie ihnen widmeten.Gänzlich scheiterte ihre Rekonstruktion jedoch für den Punkt, ob in der Szenegegessen wurde. Auch den zweiten oder dritten Preis gewannen eher Fachfremde:Physiker, Mathematiker, Informatiker, aber keine Hirnforscher. Diese mussteman unter den ersten zehn Plätzen der insgesamt 44 teilnehmenden Teams mitMühe suchen. Vielleicht war der Unterschied zwischen den normalerweise in Experimentenverwendeten einfachen visuellen oder auditorischen Stimuli zu den komplexenFilmszenen einfach zu groß. Tatsächlich beraubten die Hirnforscher mit zusätzlichenAnnahmen, die auf jahrzehntelanger neurowissenschaftlicher Arbeit gründen,ihre statistischen Modelle zahlreicher Freiheitsgrade. Mit den Schätzungender Teams, die einfach nur die mächtigsten statistischen Verfahren auf dieDaten losließen, konnten sie nicht mithalten. Dabei war es das ausdrücklichformulierte Ziel der Organisatoren des Wettbewerbs, das Verständnisdarüber zu vergrößern, wie das Gehirn komplexe Informationen verarbeitet. Tatsächlicherntete man von den Gewinnerteams aber nur betretenes Schweigen auf dieFrage, was ihre Lösungsansätze über das Gehirn verraten. Vielleicht haben dieOrganisatoren deshalb auch für die zweite Runde des Wettbewerbs (26),die am 23. März startete, einen besonderen „Neuroscience Pri-ce" vorgesehen, um diesmal wenigstens eine Gruppe auszeichnen zu können, welche die neurowissenschaftliche Forschung voranbringt. Die Preisverleihung wird übrigens am 14. Juni auf der diesjährigen „Human Brain Mapping"-Konferenz in Chicago stattfinden.
Neue Methoden zum Gedankenlesen
Auch wenn die Hirnforscher nicht unter den erstenPlätzen des „Brain-Interpretati-on"-Wettbewerbs vertreten waren, bewegtsich doch einiges an der Forschungsspitze der kognitiven Neurowissenschaft,um die neuronalen Grundlagen von Denkprozessen zu verstehen. Neuere multivariateAuswertmethoden beschränken sich nicht darauf, gemittelte Signalstärkeeinzelner Voxel oder Regionen auf ihre Korrelation mit einem Stimulus odereiner Aufgabe zu untersuchen. Stattdessen suchen sie in Gehirnaufnahmeneiner bestimmten Zeitspanne nach spezifischen Mustern aktivierter Voxel ineinem bestimmten Hirnbereich. Diese Ergebnisse können dabei helfen, ungelöste Fragen der neuronalen Informationsverarbeitung zu lösen, beispielsweise ob dieseeher modular und lokal funktioniert (27,28) oder holistisch und räumlich verteilt(29, 30). Die Verfahren, die dabei zum Einsatz kommen, werden schon bei zahlreichenpraktischen Anwendungen zur Mustererkennung verwendet, etwa der automatischenGesichtserkennung oder der Analyse von DNA-Information. Dabei funktionierendie Auswerteprogramme, zum Beispiel die „Support Vector Machines" (SVM)(31, 32), nach dem folgenden Verfahren: Zunächst sucht der Algorithmusmit einer Reihe von Trainingsdatensätzen nach Zusammenhängen in derAktivierung der einzelnen Datenpunkte, dem Muster. Dafür muss man jedochnicht nur die Datenpunkte selbst, sondern auch Information darüber in das Systemfüttern, welche experimentelle Bedingung zu welchen Daten gehört. Ist die Trainingsphaseabgeschlossen, verwendet man idealerweise einen neuen Datensatz, um die Klassifikationdes Algorithmus zu überprüfen. Hat dieser für bestimmte Datenpunkte einMuster erkannt, wird er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bestimmenkönnen, welche experimentelle Bedingung bei der Aufnahme dieses Datensatzesvorlag. Gelingt das mit hoher Genauigkeit, so kann man darauf schließen, dassdas Muster der neuronalen Verarbeitung an diesem Ort, über mehrere Datenpunkte verteilt, spezifisch mit der experimentellen Aufgabe verbunden ist (Abb. 1).
Konkret haben David Cox und Robert Savoy dies beispielsweisemit zehn verschiedenen Objektkategorien durchgeführt, zu denen jeweilszwölf graustufige Fotos gehörten. Den Versuchspersonen wurden in Blöcken von20 Sekunden Länge zehn zufällig gewählte Fotos aus einer dieser Kategoriengezeigt, beispielsweise zehn Fotos von Teekannen, Gartenzwergen, Kühen oderPferden. Zusätzlich zum Betrachten bekamen die Versuchspersonen noch die Aufgabe,jedes der gezeigten Objekte gedanklich zu benennen. In ihrem ersten Experimentnahmen sie die Trainings- und Testdatensätze mehrere Tage oder gar Wochengetrennt voneinander auf. Dabei sollte eine bestimmte Liegevorrichtung sicherstellen,dass sich die Köpfe der Versuchspersonen an etwa derselben Stelle undin derselben räumlichen Ausrichtung befanden. Nach dem Training konntedie SVM schon mit nur 50 frei aus dem Gehirn gewählten Datenpunkten mit85%iger Genauigkeit bestimmen, zu welcher Kategorie die gesehenen Objekteaus einem der Testblöcke gehören (31). Schränkt man dabei die Auswahlder Datenpunkte auf objektspezifische kortikale Areale ein, sinkt dieErkennungsrate auf 41%, was jedoch immer noch deutlich höher ist als derZufallswert von 10%. Diese Werte variieren aber stark zwischen den Versuchspersonen.Bei einer zweiten wurden nur 58% beziehungsweise 33% Genauigkeit erzielt. Dochliegen auch diese Ergebnisse noch höher als der Zufall. In ihrem zweiten Experimentgingen Cox und Savoy noch einen Schritt weiter. Diesmal teilten sie dieFotos der zehn Objektkategorien in jeweils zwei Hälften: sechs Fotos fürdie Trainingsmessungen und sechs andere für die Testdurchläufe. Das heißt,diesmal sollte die SVM eine Zuordnung für Hirndaten treffen, die beimBetrachten von Fotos entstanden war, die zwar zur selben Kategorie gehörten,jedoch vorher noch nicht gezeigt wurden. Auch in diesem Fall gelang dieErkennung mit 59 bis 97%iger Genauigkeit für die Versuchspersonen, beziehungsweise29 bis 55%iger, wenn man die Auswahl der Datenpunkte wieder auf objektspezifischekortikale Areale beschränkte. Das heißt, die Musterkennung konnte bestimmte ...

Abb. l Neuere Auswertverfahren suchen nicht nacheinzelnen Bildpunkten, welche möglichst gut mit dem experimentellenDesign korrelieren, sondern überprüfen räumlich verteilte Bildpunkte auf spezifische Zusammenhänge ihrer Aktivierung, das Muster.
… Invarianten in den gemessenen Daten identifizieren,die einerseits über die Messzeitpunkte (Tage bis Wochen) oder andererseitsüber die jeweiligen Fotos hinweg (alte und neue Fotos einer Objektkategorie)generalisiert waren. Die Forscher werten dies als Hinweis darauf, dassdie Objektrepräsentation im Gehirn auf räumlich verteilte Weise geschieht, denn sonst würden die gewonnenen Muster keine so gute Vorhersage ermöglichen.
Verrate mir deine Absichten...
Mit einem anderen Versuchsaufbau machten kürzlichJohn-Dylan Haynes und seine Kollegen auf sich aufmerksam, die auch schon zuvoreinige Studien mit den Methoden der Mustererkennung durchgeführt hatten(33-36). Diesmal sollten sich ihre Versuchspersonen überlegen, ob sielieber eine Addition oder eine Subtraktion durchführen möchten und ihre Absicht(Intention) für 3 bis 12 Sekunden lang aufrechterhalten. Anschließendbekamen sie auf einem Bildschirm zwei Zahlen präsentiert, mit denen siedie ausgesuchte mathematische Operation durchführen sollten. Auf dem letztenBildschirm waren vier Zahlen abgebildet, von denen zwei das jeweilige Ergebnisder Addition oder Subtraktion darstellten und zwei zufällig dazu gemischt wurden.Jetzt sollten die Probanden wählen, welches das Ergebnis ihrer Rechnung war,sodass die Forscher eine Information darüber bekamen, was die vorherigeIntention gewesen war. Aus der multivariaten Analyse der Daten währendder Phase, als die Versuchspersonen ihre Absicht aufrecht erhalten sollten,konnten die Forscher mit 71 %iger Genauigkeit aus Aktivierungen im anteriorenmedialen präfrontalen Kortex (MPFC) bestimmen, ob sie sich für eineAddition oder Subtraktion entschieden hatten (37). Interessanterweisehalfen die Daten dieser Region während der Durchführung der Rechenaufgabegar nicht bei der Bestimmung der Absicht, dafür aber eine weiter posteriorgelegene Zone des MPFC. Mit etwas geringerer Genauigkeit fanden die Forscherauch noch Muster im linken lateralen frontopolaren Kortex, dem linken inferiorenfrontalen Sulkus, sowie dem rechten mittleren frontalen Gyrus und dem linkenfrontalen Operkulum. In allen diesen Bereichen lag die Genauigkeit derVorhersage deutlich über 60%. Der Frage, wie eine Absicht im Gehirn verarbeitetwird, fühlen sich die Forscher mit ihrem Ergebnis deutlich näher gekommenals vorherige Studien, die mit herkömmlichen Methoden lediglich zeigenkonnten, dass im präfrontalen Kortex stärkere neuronale Aktivierung vorlag.Ob diese mit der genauen Intention oder nur mit einer unspezifischenVorbereitung der Aufgabe in Verbindung stehe, könne man damit nicht beurteilen.Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Haynes und seine Kollegenin ihrer Zielregion im MPFC keine allgemein stärkere BOLD-Aktivie-rung messenkonnten. Denoch werden die beiden Intentionen dort nicht in Form eines allgemeinenAnstiegs neuronaler Aktivität an einer Stelle, sondern eines unterschiedlichenräumlichen Musters in der Aktivität verarbeitet, wie es eben nur die multivariaten Analyseverfahren erkennen können.
Dabei stellt sich die Frage, wie nah diese Fundean der wirklichen Intention sind. Den guten räumlichen und zeitlichen Eigenschaftender fMRT zum Trotz repräsentiert ein einziges gemessenes Voxel in Haynes' Studieca. 250 000 Neuronen und ihre Dynamik über einen Zeitraum über 2700 Millisekunden(Time of Repetition). Angesichts dieser - in neuronalen Dimensionen gesprochen- groben Auflösung sind die Ergebnisse mithilfe der Mustererkennung jedocherstaunlich und zeigen, dass die herkömmlichen univariaten Verfahrendie Aussagekraft des BOLD-Signals bei weitem nicht ausschöpfen. Auch istes schwer, die genaue Bedeutung eines solchen Musters zu verstehen. Zwar könnenwir es durchaus visuell darstellen, doch sehen wir ihm mit dem heutigenWissen nicht an, ob es nun eine Addition oder eine Subtraktion repräsentiert.Tatsächlich könnte man uns irgendein Muster zeigen und wir könnten dieses nichtvon denen unterscheiden, die aus den wirklichen Messdaten stammen. Dennochstellt die Arbeit von Haynes und anderen Hirnforschern, die mit diesenMethoden arbeiten (38, 39), einen wichtigen Schritt zum Verständnis vonIntentionen, Absichten und Meinungen dar, die für unser soziales und gedankliches Alltagsleben eine entscheidende Rolle spielen.
Wir können auch davon ausgehen, dass diese Methodeneine Reihe praktischer Anwendungen nach sich ziehen werden. Dabei mussman nicht nur an die Chance für Patienten denken, die beispielsweise aneiner amyotrophen Lateralsklerose erkrankt und deshalb bewegungslos in ihremKörper gefangen sind. Diesen Menschen könnten Methoden des Gedankenlesenseines Tages eine komfortable Schnittstelle zur computervermitteltenKommunikation mit der Außenwelt bieten. Man muss auch kritisch beobachten,dass Methoden der Mustererkennung schon zur Lügendetektion (40) verwendetwurden und sich dadurch eine neue Diskussion über die Zulässigkeit der Verfahrenim Straf-, Zivil- und Verfassungsrecht anbahnt. Gegenüber der herkömmlichenAuswertung bieten die multivariaten Ansätze zwar den Vorteil, auch auf individuellerEbene Vorhersagen treffen zu können, doch inwiefern sich die gedanklichen Mustermanipulieren lassen (Neurofeedback-Training) und wie es sich mit ihnen verhält,wenn sie beispielsweise bei einer nicht-kooperativen Versuchsperson gemessenwerden, das sind noch offene Fragen, die von der bisherigen Forschung nicht untersucht
Offene Fragen:
• Wie fein lassen sich einzelne gedankliche Prozesse im Gehirn wirklich erkennen?
• In welchem Umfang ist die Kooperationder Versuchsperson eine notwendige Voraussetzung für das Erkennen der Muster?
• Wie zuverlässig erweisen sich die Methodenim Alltag, z. B. zur Steuerung über Gehirn-Computer-Schnitt-stellen oder zur Lügendetektion?
• Werden die Versuche des Gedankenlesens unser Rechtssystem und unseren gesellschaftlichen Alltag beeinflussen?
• Was sind die weitreichenden ethischenund sozialen Auswirkungen, welche diese Funde auf unser Zusammenleben und unser Selbstverständnis ausüben?
wurden. Letztlich stellt sich auch mit der Möglichkeitdes Gedankenlesens die Frage nach der Gedankenfreiheit. Dürfte ein mutmaßlicherTäter etwa dazu gezwungen werden, einem Gedankentest unterzogen zu werden,der seine Schuld oder Unschuld beweisen soll? Dürfte man das Verfahrendazu verwenden, um das Risiko für die Gesellschaft zu ermitteln, das ehemaligeStraftäter oder Erkrankte mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörungdarstellen? Dürften Unternehmen, die heute schon weit reichende Informationenüber ihre zukünftigen Mitarbeiter in Assessment-Centern erheben, ihreBewerber auch zu einem Gehirn-Check mit der fMRT schicken? Nicht zuletzt auchin einer Zeit der terroristischen Bedrohung mögen Verfahren zum Gedankenlesenin bestimmten Kreisen Begehrlichkeiten erwecken (41). Wie das deutscheÄrzteblatt kürzlich mitteilte, wurde in Bayern für einen ersten Feldversuchauf dem internationalen Flughafen München ein Prototyp eines fMRT-Lügendetekorsaufgestellt, um verdächtig aussehende Fluggäste auf terroristische Absichtenhin zu überprüfen (42). Wie die Zeitschrift weiterhin berichtet, hat das US-Verteidigungsministeriumdie Idee aufgegriffen und den Prototyp „Munchhau-sen" im GefangenenlagerGuantänamo Bay testen lassen. Diese besorgniserregende Mitteilung wird einzigund allein durch die Erkenntnis gemildert, dass sie am 1. April veröffentlicht wurde.
Zurzeit sind es vor allem Zukunftsszenarien undScherze, die die Gemüter erheitern oder erregen. Wie so oft hilft ein Blickin die USA, um künftige Entwicklungen abschätzen zu können. So wurdendort einerseits gerade zwei Firmen gegründet, welche die Lügendetektion durchfMRT anbieten (43, 44). Andererseits haben sich in den USA Juristen und Neurowissenschaftlerzu einem »Center of Cognitive Liberty and Ethics« (CCLE) zusammen geschlossen,um den Schutz der Privatsphäre auf den geistigen Bereich auszuweiten (45) -nichtzuletzt wegen der prinzipiellen Möglichkeiten des Gedankenlesens.Es gibt zwar ernstzunehmen-de Argumente gegen deren praktische Verwendbarkeit,etwa den Verweis auf die Komplexitität, Flexibilität und Umweltabhängigkeitvon Gedanken. Doch es schadet nicht, auf Vorrat zu denken und sich schon jetzt auf kommende Kontroversen und Diskussionen einzustellen.
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Korrespondenzadresse:
Stephan Schleim
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Abteilung für Medizinische Psychologie Universität Bonn
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Artikel: Gedankenlesen mit dem Hirnscanner?
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