Grundlagen der Diagnostik

Arten der pädagogischen Diagnose:

Pädagogische Diagnosen werden nach vielen verschiedenen Merkmalen unterschieden, so z. B. nach folgenden Fragestellungen:

Was wird diagnostiziert?

Diagnosen können sich auf einen Prozess, auf Ergebnisse oder auf die konstituierenden Bedingungen beziehen. Wichtig ist, dass eine Diagnose immer einen ganzheitlichen Blick auf die Persönlichkeit und Entwicklung der Schülerinnen und Schüler behält. (vgl. Greiten 2009, S. 24)
Beispiele:

  • Diagnose von Lernausgangslagen und von Lernvoraussetzungen (z. B. Vorwissen, kognitive Bedingungen, Interessen)
  • Diagnose zum Erkennen von Entwicklungsständen oder Lernständen (an Kompetenzstufen orientiert)
  • Diagnose zum Erkennen von Lernpotenzialen, Motivationen, Lernhindernissen oder Lernfortschritten
  • Diagnose von Lerntypen
  • Diagnose des Lernumfelds (z. B. Familie, Peergruppeneinflüsse)
  • Diagnose von Gruppenprozessen (z. B. soziales Klima in der Klasse)
  • Diagnose von Verhalten oder Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Sozialverhalten, Arbeitsverhalten, Lernverhalten)
  • Diagnose von fachlichen oder überfachlichen Lernergebnissen oder Leistungen und Leistungsauffälligkeiten (Diagnose von Begabungen)
  • Diagnose einzelner Intelligenzbereiche nach dem Prinzip der multiplen Intelligenzen
    (vgl. Paradies/Sorrentino/Greving 2009, S. 25-37, vgl. von Saldern 2009, S. 52 f. )

Um Lernausgangslagen, Entwicklungsstände oder Lernergebnisse zu diagnostizieren, sind Kompetenzraster für eine pädagogische Diagnose von fachlichen und überfachlichen Leistungen sehr hilfreich und eine notwendige Grundlage.

Wen diagnostizieren?

Eine Lehrkraft kann einzelne Schülerinnen oder Schüler, Gruppen oder Klassen diagnostizieren. Insbesondere bei großen Klassen wird eine Lehrkraft bei einer Diagnose aller Schülerinnen und Schüler überfordert sein. Deshalb empfiehlt es sich z. B., zunächst die Schülerinnen und Schüler mit extremen Abweichungen nach oben oder unten in den Diagnosefokus zu rücken. (vgl. Paradies/Sorrentino/Greving 2009, S. 34)

Wann diagnostizieren?

Während die Statusdiagnostik einen momentanen Zustand erfasst und daraus eine mögliche Entwicklung prognostiziert, richtet sich die Prozessdiagnostik auf einen möglichen Veränderungsprozess. Dabei werden ergriffene Förder- und Entwicklungsmaßnahmen in möglichst kurzen Abständen überprüft, so dass ein Kreislauf von Informationsgewinnung,

Ursachenklärung und Planung von Fördermaßnahmen entsteht. (vgl. Horstkemper 2006, S.5) Eine so verstandene pädagogische Diagnose bleibt nicht punktuell und stichprobenartig, sondern zeigt prozessorientiert und kontinuierlich Entwicklungen auf. Eine pädagogische Diagnose kann außerdem zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden:

Beispiele:

  • Lernausgangsdiagnose: Eine Lernausgangsdiagnose ist dann besonders sinnvoll, um beispielsweise am Schuljahresbeginn festzustellen, welches Fachwissen aus den vorherigen Klassenstufen vorhanden ist, welche Fachbegriffe den Schülerinnen und Schülern geläufig sind, welches Alltagswissen zum zukünftigen Themengebiet vorhanden ist oder über welche methodischen Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler bereits verfügen.( vgl. Paradies/Sorrentino/Greving 2009, S. 29)
  • Unterrichtsbegleitende Diagnosen, in der Regel durch systematische Beobachtung (vgl. Paradies, Linser, Greving 2009, S. 16)
  • Diagnose von Lernergebnissen am Ende einer Unterrichtseinheit oder eines bestimmten Zeitraums.

Wozu diagnostizieren?

Eine Diagnose, die individuelles Lernen optimieren soll (im Sinne einer Förderdiagnose) wird Fördermaßnahmen ableiten, die zu einer Lern- oder Verhaltensänderung führen oder Umweltbedingungen verändern. Dagegen zielt eine Diagnose, die im gesellschaftlichen Interesse Lernergebnisse feststellen soll (im Sinne einer Selektions- oder Auslesediagnose) darauf, ob die bisherige Lernumgebung für einen Schüler angemessen ist. (vgl. Ingenkamp 1997, S. 11). Außerdem kann danach unterschieden werden, ob eine Leistung diagnostiziert wird, um diese Leistung zu beurteilen oder bestimmte Qualifikationen zu erwerben oder ob Kompetenzen im Hinblick auf eine individuelle Förderung diagnostiziert werden. (vgl. Greiten 2009, S. 24)

Beispiele:

  • Leistungsbeurteilung
  • Erteilung von Qualifikationen
  • Diagnose zur Verbesserung des Lernens

Wie diagnostizieren?

Zwar nehmen alle am Unterricht beteiligte Personen eher beiläufig und in der Regel unsystematisch zusätzliche Informationen auf, die zu Urteilen, Einschätzungen und Erwartungen verarbeitet werden (informelle Diagnosen), jedoch sind diese Einschätzungen sehr subjektiv und eigenen sich weniger als Grundlage einer individuellen Förderung. Demnach sollte sich eine pädagogische Diagnose durch Lehrkräfte auf eine präzise und begründete Fragestellung beziehen und einer kontrollierten Datenerhebung z. B. durch eine systematische Beobachtung folgen. (vgl. Helmke 2009, S. 122). Außerdem kann man unterscheiden, woran die Lehrkraft ihre Diagnoseergebnisse erkennen kann: Hier kann eine Lehrkraft ergebnisorientiert diagnostizieren, indem sie ihre Ergebnisse aus schriftlichen Arbeiten, Lernkontrollen oder Tests ableitet oder prozessorientiert diagnostiziert, d. h. durch Schülerbeobachtung, Schülergespräche oder Schülerselbstbeobachtung. (vgl. Paradies, Linser, Greving 2009, S. 16)

Beispiele:

  • Schriftliche Arbeiten
  • Tests
  • Lernkontrollen
  • Schülerbeobachtungen und Schülerselbstbeobachtungen

Wer ist an einer pädagogischen Diagnose beteiligt?

Pädagogische Diagnosen zur individuellen Förderung sind dann besonders wirkungsvoll, wenn sie nicht nur von einem einzelnen Kollegen betrieben werden, sondern mehrere Kollegen zusammenarbeiten. Dabei kann auch analysiert werden, ob bestimmte Merkmalsausprägungen nur in einem Fach oder in mehreren Fächern auftreten (vgl. Paradies/Sorrentino/Greving 2009, S. 81) Außerdem können sich neben den Lehrkräften einige andere Personen oder Personengruppen an der Diagnose beteiligen. Hier ist zunächst die Schülerselbstdiagnose (vgl. Paradies, Linser, Greving 2009, S. 16) zu nennen, aber auch Diagnosen von Mitschülern oder evtl. Eltern sind denkbar.

B eispiele:

  • Selbstdiagnosebögen für Schülerinnen und Schüler
  • Lerntagebücher, Portfolios, Lernberichte
  • Förderplankonferenzen

Voraussetzungen und Grenzen pädagogischer Diagnosen:

Eine pädagogische Diagnose kann nur gelingen, wenn die Lehrkraft eine entsprechende pädagogische Haltung oder Sichtweise hat, wenn der jeweilige Schüler als Bezugspunkt gesehen wird und sich die Diagnose weniger an einem „Mittelmaß“ der Klasse orientiert und nur auf Defizite gerichtet ist. (vgl. Hechenleitner, Mayr 2009, S.122)
Pädagogische Diagnosen finden ihre Grenzen in den zeitlichen, organisatorischen und personellen Ressourcen an der jeweiligen Schule. Außerdem ist darauf zu achten, dass Aufwand und Ertrag in einem angemessen Verhältnis stehen. Auch muss sich die Lehrkraft überlegen, welcher Diagnosefokus tatsächlich sinnvoll ist und aus der Vielzahl möglicher Diagnoseschwerpunkte ausgewählen. (vgl. ISB 2008, S. 10)

Literatur:

  • Greiten, Silivia (2009): Die Förderplankonferenz, in: Pädagogik 12/2009
  • Hechenleitner, Andrea, Mayr, Elisabeth (2009): Pädagogisch diagnostizieren im Schulalltag, in: Die berufsbildende Schule 61(2009) 4
  • Helmke, Andreas (2009): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität, Klett Kallmeyer
  • Horstkemper, Marianne (2006): Fördern heißt diagnostizieren, in: Friedrich Jahresheft 2006
  • Ingenkamp, Karlheinz (1997): Lehrbuch der Pädagogischen Diagnostik: Beltz
  • ISB Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (2008): Pädagogisch diagnostizieren im Schulalltag
  • Paradies, Liane, Linser, Hans-Jürgen, Greving, Johannes (2009): Diagnostizieren, Fordern und Fördern, Cornelsen Scriptor
  • Paradies, Liane, Sorrentino, Wencke, Greving, Johannes (2009): 99 Tipps Individuelles Fördern, Cornelsen Scriptor
  • Von Saldern, Matthias (2009): Diagnostik und Testeverfahren für die Sekundarstufe, in: Kunze, Ingrid, Solzbacher, Claudia: Individuelle Förderung in der Sekundarstufe I und II, Schneider

Spinath, Birgit (2006): Schüler motivieren sich selbst, in: Friedrich Jahresheft

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