Homo Oeconomicus
Zu 2.1.2
“We cannot, by international action, make the horses drink. That is their domestic affair. But we can provide them with water” (J.M. Keynes, The Means of prosperity 1933)
„Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selbst .“ (Karl Schiller)
Kann der Staat ökonomisches Verhalten steuern?
Vorüberlegung: Geht man der Frage nach, ob der Staat in die Wirtschaft eingreifen (Ordnungspolitik) und ob der Staat wirtschaftspolitische Prozesse steuern solle (Prozesspolitik), benötigt man vorab eine Einschätzung der Frage, ob der Staat überhaupt die betreffenden Akteure (Konsumenten, Steuerzahler, Unternehmerische Entscheidungsträger) in ihren Entscheidungen beeinflussen kann. Zur Beantwortung dieser offenen Frage benötigt der Schüler Einsichten in die Funktionsweise ökonomischen Verhaltens.
Hilfreich kann dazu das umstrittene ökonomische Verhaltensmodell unter Einbeziehung der Kritik daran sein. Insbesondere die Experimentelle Ökonomik bietet Ansätze zur kritischen Fortschreibung des Modells.
Idee ist, das Modell nicht mit einem losgelösten Spiel zu erarbeiten (wie Ulitimatumspiel etc.), sondern bereits angewandt in einen wirtschaftspolitischen Zusammenhang zu bringen. Die Schüler werden in eine „Mehr-oder-weniger-Entscheidung“ versetzt (eine Möglichkeit des ökonomischen Handlungsmodells). Die Diskussion über Motivationen ihrer Entscheidungen soll dem Schüler dabei helfen, die Steuerungsmöglichkeiten (des Staates) differenzierter zu betrachten.
Steuerspiel:
Hintergründe:
Grundlage ist ein fiktiver Staat, dessen Bürger die Schüler sind. Diese Schüler bekommen Rollenkarten. Im vorliegenden Beispiel sind es 24 Rollenkarten. Bei einer anderen Klassengröße müssen einzelne Rollenkarten mit entsprechenden Werten entwickelt werden. Des Weiteren erhalten die Schüler in der zweiten Runde Informationen über die Ausgabensituation des Staates (Orientierungsrahmen bei der Erstellung war der Bundeshaushalt 2011 sowie zusätzlich hochgerechnet die Ausgaben für Bildung und Innere Sicherheit der Länderhaushalte).
Für die Rollenkarten wurde eine Durchschnittssteuersatz von 35 % hinterlegt, das heißt, wenn bei gleichmäßiger Verteilung jeder Akteur 35 % seines Einkommens zur Verfügung stellen würde, so käme es zum Ausgleich des Haushalts. Es wird also ein volkswirtschaftliches Einkommen von 1143 RE (400 x 100 / 35) unterstellt. Würde man eine gleiche Beteiligung an den Staatsausgaben unterstellen, so müsste jeder Schüler 16,67 RE (400 / 24) zur Verfügung stellen. Den Rollen liegen kleine Biographien zu Grunde. Sie unterscheiden sich in Alter, Geschlecht, Lebensform und dem Jahreseinkommen. Damit sollen differenzierte Perspektiven auf „Nutzen“ und „Fairness“ angeregt werden.
Beschreibung des Ablaufs:
- Die Klasse wird mit dem Finanzierungsbedarf im Staat konfrontiert. (Folie 1)
- Jeder Schüler erhält eine Rollenkarte. Nach einer Bedenkzeit muss er entscheiden, wie viele Recheneinheiten seines Jahreseinkommens er zur Finanzierung der Staatsausgaben beitragen möchte. Das Ergebnis schreibt er auf die Rückseite seiner Rollenkarte und gibt diese beim Lehrer ab (anonymes Verfahren).
- Die Karten werden ausgewertet. Dazu wird zunächst die Summe der Beträge ermittelt und überprüft, ob mit diesen freiwilligen Werten die benötigten 400 RE erzielt werden. Je nach Zeit können einzelne Begründungen der Schüler eingeholt werden.
- Erste Auswertung des Ergebnisses: In welche Situation ist der Staat geraten (Unterfinanzierung versus Überschüsse)? Damit ist es auch möglich, eine erste These zu formulieren. Welche Rationalität beeinflusste die Schüler in ihrer Entscheidung? Wie könnte das Individuum motiviert werden, einen höheren Beitrag zur Verfügung zu stellen?
- Die Schüler werden mit der konkreten Ausgabenstruktur des Staatshaushaltes konfrontiert und erhalten somit Einblick in die Verwendung ihrer Abgaben (Folie 2).
- In einer zweiten Runde (Alternativen: Rollenbeibehaltung oder Rollenwechsel) erhalten die Schüler erneut Rollenkarten und bestimmen wieder den Anteil, den sie bereits sind abzugeben.
- Die Karten werden ausgewertet und es wird ermittelt, ob es in der Summe zu einem besseren Ergebnis gekommen ist.
- Konfrontation mit einer Definition des homo oeconomicus: Akteur, der eigeninteressiert und rational handelt, dabei seinen eigenen Nutzen maximiert und auf Restriktionen und Anreize reagiert. Sicherung der Definition und Anwendung auf den Steuerzahler: Was wäre das rationale Verhalten eines Steuerzahlers? (M 1)
- (Erneute) Offenlegung der Rollenentscheidungen und Reflexion der Frage von Rationalität und Eigennutz in der jeweiligen Entscheidung. Liegt ein „Fairnessmodell“ zu Grunde? (Beeinflusst durch Einkommenshöhe, Kinderanzahl, Alter, Haushaltseinkommen...). Beeinflussen soziale Merkmale die Entscheidung?
- Texte zur Bewertung des Verhaltensmodells (M 2 und M 3)
- Schlussfolgerung für staatliche Wirtschaftspolitik? Kann der Staat ökonomisches Verhalten steuern, indem er Anreize für den Konsumenten setzt, seinen Nutzen zu maximieren? (Urteilsbildung mit Hilfe von Transfer M 4).
Folie 1:
Folie 2:
Rollenkarten
M 1: Was ist ein „homo oeconomicus“?
Aus: Karl Homann und Matthias Meyer. Wirtschaftswissenschaftliche Theoriebildung. Aus: Ökonomische Bildung kompakt, Band 7, Bildungshaus Schulbuchverlage Westermann, Braunschweig, 2005, S. 30 f.
Die ökonomische Handlungstheorie versteht unter dem homo oeconomicus modellhaft ein Individuum, welches unter Restriktionen seinen Nutzen maximieren möchte und Entscheidungen dementsprechend rational durchführt. Unter Restriktionen werden dabei die Grenzen verstanden, vor denen das Individuum bei dem Wunsch nach Erfüllung seiner unendlichen Wünsche steht. Unter dem Nutzen wird in der modernen Ökonomik nicht nur der Geldnutzen verstanden. Die Idee der Maximierung meint, dass Akteure auf Anreize reagieren und entsprechend Entscheidungen treffen, die ihren Nutzen erhöhen.
Aufgabenstellung:
- Erläutern Sie das Modell des „homo oeconomicus“ an folgendem Beispiel: Du verfügst über gespartes Geld von 300 €. Du hast zwei Wünsche: Den Kauf einer Spielekonsole im Wert zwischen 200 und 300 € und den Kauf eines hochwertigen tablet-computers im Wert von ca. 500 €, wofür du noch länger sparen müsstest. Wie verhältst du dich?
- Erläutern Sie das Modell des „homo oeconomicus“ an einem eigenen Beispiel Ihrer Wahl.
- Überprüfen Sie, inwieweit ein Steuerzahler dem Modell des homo oeconomicus entspricht.
Die Diskussion um den Homo oeconomicus: Texte um die Diskussion zur Gültigkeit des Modells finden sich aktuell bei
Fremdes Angebot: http://www.theeuropean.de/debatte/7753homooeconomicus2 (öffnet in neuem Tab)
M 2: Kritik am Modell
Aus: Fremdes Angebot: http://www.theeuropean.de/gerhard-fehr/7916-homo-oeconomicus-3 (öffnet in neuem Tab)
Alle für alle von Gerhard Fehr
Der egoistische Homo oeconomicus prägt noch immer die gängige Wirtschaftstheorie. Doch sein Konzept verzerrt die Wirklichkeit: Menschliche Evolution, gesellschaftlicher Fortschritt und individueller Erfolg basieren auf der Fähigkeit des Einzelnen zur Kooperation. Der Beweis dafür? Die Zivilisationsgeschichte der vergangenen Jahrtausende.
Nicht jeder ist so klug wie Albert Einstein. Nicht jeder verarbeitet Informationen so verlässlich wie IBMs Supercomputer Deep Blue. Und nicht jeder ist so willensstark wie Mahatma Gandhi. Klingt nachvollziehbar, oder? Trotzdem halten große Teile der Wirtschaftswissenschaft bis heute an einem Menschenbild fest, das genau vom Gegenteil ausgeht. Vom Homo oeconomicus, der immer rational handelt und dabei unbeirrbar seinen persönlichen Nutzen maximiert. Von einem Prototypen, der zu gleichen Teilen aus Einstein, Deep Blue und Gandhi besteht.
Dieser Übermensch ist die Grundlage unserer Wirtschaftspolitik. Sie glaubt an den Egoismus des Individuums und daran, dass das Kollektiv am meisten profitiert, wenn sich dieser Egoismus frei entfalten kann.
Der Instinkt fürs Gute
So weit die Theorie. In der Praxis zeigt sich, dass der Mensch alles andere ist als ein Homo oeconomicus. Er macht ständig Fehler, trifft unlogische Entscheidungen, wird von Verlustängsten geprägt und liebt den Status quo. Er legt großen Wert auf Fairness und Kooperation. Und er ist von Natur aus auch sozial und mit einem sicheren Instinkt fürs Gute ausgestattet.
Was auf den ersten Blick vielleicht wie das Weltbild eines naiven Träumers klingt, basiert auf unzähligen Laborexperimenten und Feldstudien von Verhaltensökonomen. Sie zeigen, dass unser Zusammenleben und Wirtschaften von sozialen Präferenzen geprägt sind – also der Motivation, etwas für andere zu tun, das weit über den materiellen Eigennutzen hinausgeht. Diese Erkenntnisse können nicht nur Unternehmen zu einem nachhaltigen Erfolg verhelfen oder das Leadership im Management verbessern, sondern erklären auch die Errungenschaften unserer Zivilisation. [...]
Sicher, kein Mensch ist bereit, unendlich zu kooperieren. Es gibt genug Momente, in denen es sinnvoll ist, zuerst auf sich zu schauen. Gerade darum ist es wichtig, Kooperation und Altruismus so anzuregen, dass nur wenige Menschen in Versuchung geraten, egoistisch zu handeln. Die Verhaltensökonomie kann dabei helfen, genau diese Lösungen zu finden. Allerdings nur, wenn wir endlich anerkennen, wie Menschen wirklich sind – und nicht daran festhalten, wie sie sein sollten, damit sie in das normative Bild des Homo oeconomicus passen.
M 3: Verteidigung des Modells
Aus: Fremdes Angebot: http://www.theeuropean.de/peter-boettke/7776-rationale-menschen-effiziente-maerkte (öffnet in neuem Tab)
Mensch statt Maschine von Peter Boettke
Die Ideologie des freien Marktes und die Idee des Homo oeconomicus haben ihren Nutzwert nicht eingebüßt. Es ist tragisch, dass wir sie jetzt aus einer intellektuellen Laune heraus zurückweisen. [...]
Die letzten dreißig Jahre haben gezeigt, dass Adam Smith recht hatte mit einer seiner fundamentalen Annahmen: „Der natürliche Trieb jedes einzelnen Menschen, seine eigene Situation zu verbessern, ist so stark, dass er allein und ohne weitere Hilfen imstande ist, nicht nur Reichtum und Wohlstand der Gesellschaft zu mehren, sondern auch die hundert kleinen Hindernisse zu beseitigen, die durch die Torheit menschlicher Gesetze in den Weg 10 geräumt werden.“ [...]
Ihre [Adam Smith und F.A. Hayek] Vorstellung vom Homo oeconomicus besagte nie, dass wir hyperrationale Individuen seien, die auf Basis vollständiger Informationen in komplett freien Märkten miteinander interagieren. Ihre Aussage war lediglich, dass es immer das Ziel des Einzelnen sein wird, seine Interessen auf die bestmögliche Weise zu verfolgen. Smith wusste, dass der Mensch auch ein Einzelgänger und Eigenbrötler sein kann: klug aber fehlbar, geplagt von Hoffnungen und Sorgen, keinesfalls nur geleitet von mathematisch berechenbaren Verhaltensmustern. Die menschliche Fehlbarkeit kann zu Ineffizienz und Marktversagen führen – aber sie setzt gleichzeitig den korrektiven Prozess des Marktes in Gang. Privatbesitz, freie Preise und Profitdenken bilden den Rahmen für natürliches menschliches Verhalten und profitablen Handel zwischen verschiedenen Akteuren. Effizienz ist ein Ergebnis dieses Prozesses, keine Voraussetzung für das Funktionieren des Marktes.
Wir brauchen empathische Märkte
Doch der Markt ist nicht losgelöst vom Rest der Gesellschaft. Politische, juristische und soziale Normen sind mit ihm eng verbunden und können Hürden darstellen, die zu Marktversagen beitragen. Es geht also nicht darum, die zugrunde liegenden Ideen von Smith oder Hayek zu hinterfragen. Stattdessen brauchen wir eine neue ideologische Vision des freien Marktes und des Homo oeconomicus als Ausdruck einer Gesellschaft der freien und verantwortungsvollen Individuen, die innerhalb des Marktes und innerhalb der Gesellschaft operieren.
Arbeitsauftrag:
Vergleichen Sie die Positionen der Autoren im Hinblick auf die Gültigkeit des Modells des homo oeconomicus.
M 4: Abwrackprämie
Die Umweltprämie (umgangssprachlich auch Abwrackprämie) war eine staatliche Prämie in Höhe von 2.500 Euro, die in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen gewährt wurde, wenn ein altes Kraftfahrzeug verschrottet und ein Neuwagen oder Jahreswagen zugelassen wurde. Ab dem 2. September 2009 wurden keine Anträge mehr angenommen, weil die Finanzmittel erschöpft waren. (wikipedia)
Arbeitsauftrag:
Beurteilen Sie an Hand der Meldung unter Einbeziehung von M 1 bis M 6, ob sich Marktteilnehmer steuern lassen.
Homo oeconomicus: ein umstrittenes Verhaltensmodell
Steuerspiel "Pay as you want": Herunterladen [pdf] [4,3 MB]